17.03.2013 | Sonntag | Ökosex

Atomreaktoren an der Maas

Am Fukushima Gedenktag musste ich demonstrieren: ich wäre lieber auf dem Sofa geblieben

 

Mein Traum am Jahrestag von Fukushima: Freunde von Kohle und Atomkraftwerken in der ganzen Welt müssen eines Tages bei fieser Kälte auf die Straße, um für ihre Lieblinge zu demonstrieren. Sie müssten das deshalb, weil überall Atom und Kohle dann per Gesetz längst verboten sind. Und bei dieser pro Atomdemo soll es dann so richtig fies regnen, aber so richtig heftig. Das könnte beispielsweise so ein Eisregen sein, der einem scharf ins Gesicht schneidet.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Das wäre für mich eine kleine Gutmachung für die vielen Demostunden, die wir Atomkraftgegner und Freunde der solaren Effizienzrevolution in unseren Leben schon mitgemacht haben. Ja, im Sommer sage ich immer zu meinem Kindern, da kann ja jeder demonstrieren! Im Winter macht es echt keinen Spaß. Meine Kinder, um deren Zukunft es doch geht, blieben deshalb am Sonntag lieber daheim und ließen uns Alte mit unserer Fahne vor dem Kühlturm stehen.

Ja, das kennt ihr in Deutschland gar nicht mehr, was? So richtige Atomdemos, wo man “abschalten” ruft und so? Und dann spielt ‘ne Trommelband und alle gucken heiter und dann wieder ganz grimmig. Zu heiter ist ja auch nicht gut, weil es eben doch gegen Atom geht. Ich war, ehrlich gesagt aus ganz egoistischen Gründen letzten Sonntag mal wieder am Ort der Kernspaltung.

Nur 50 Kilometer von meinem Haus in Maastricht entfernt, stehen im belgischen Tihange an der Maas drei Reaktoren. Und die sind nicht mehr ganz so jung, der älteste ging bereits 1975 in Betrieb. Für unsere jüngeren LeserInnen: die Handwerkerrechnungen damals in der technologischen Steinzeit wurden noch auf der mechanischen Schreibmaschine geschrieben. Und wahrscheinlich haben die auch das Risiko eines GAUs noch mit dem Rechenschieber berechnet.

Beton ist ja bekanntlich, was man daraus macht. Und der Beton von einem der drei Blöcke hat ein kleines Problem. Im August 2012 wurde Block 2 vom AKW in Tihange heruntergefahren, nachdem man Risse am Reaktorbehälter fand. Nachforschungen ergaben aber, dass diese Risse schon 1979 während des Baus entdeckt wurden. Das sei deshalb kein Grund zur Beunruhigung, sagt der Betreiber. Wie jeder weiß, kann man Unternehmen – egal ob die in Belgien, Deutschland oder Japan Atomkraftwerke betreiben – volle 50% vertrauen.

Wenn die also sagen, dass mit den Rissen sei überhaupt kein Problem, dann wird es zur Hälfte sicher stimmen. Aufgeklärt, kritisches Vertrauen darf man natürlich auch in die Atomaufsichtsbehörden haben, die das alles nicht für wirklich problematisch halten. Und weil in Belgien immer noch darum gerungen wird, wie lange die Reaktoren eigentlich noch laufen sollen, kommt es auf jeden Pressebericht, jedes Foto, jede Fernsehreportage an. Deshalb standen wir also in der Kälte rum.

Martin Unfried auf der Anti-Atom-Demo in Tihange am 10.03.2013
Martin Unfried auf der Anti-Atom-Demo in Tihange am 10.03.2013

Ein schöner Nebeneffekt: man lernt die Gegend kennen. Tihange liegt übrigens bei Huy (sprich Hui), und das ist in der Nähe von Liège (Lüttich), beides in Wallonien, wo man französisch spricht. Es war natürlich nicht nur kalt auf der Demo, sondern das Schöne waren die grenzenlose Internationalität und das Multisprachenregime. Da waren nämlich Busse aus NL und D gekommen, um mit den französischen und flämischsprachigen Belgiern zu demonstrieren. Es waren ehrlich gesagt fast mehr Leute aus der Aachener und Maastrichter Gegend als Einheimische.

Aber in Europa darf sich auch Strahlung bekanntlich frei bewegen: wir sind im Fall eines Unfalls auch Einheimische, denn es ist dieselbe Maas, die am Atomkraftwerk und bei uns vorbei strömt. Im Juli 2012 wurde anscheinend bekannt, dass das Abklingbecken von Tihange 1 pro Tag etwa zwei Liter radioaktiven Wassers verliert. Nun wurde auch die niederländische Politik plötzlich aktiv. Die nationale Jodpillenreserve lagert immer noch im Norden. Jetzt wurde uns von lokalen Politikern versprochen, dass Jodpillen auch zu uns in den Süden gebracht werden sollen. Ich wünschte, in manchem Büro käme es plötzlich zu einem Eisregen.

 

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

 

Links zur Kolumne:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Tihange

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*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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