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Solarzeitalter

 

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Martin Unfried schreibt regelmäßig zum Thema Kultur und Emotion der Ökologie in der Berliner taz und im VCD-Magazin fairkehr. Er veröffentlicht seine Texte auch auf www.oekosex.eu. Im Hauptberuf ist er Dozent für europäische Umweltpolitik am European Institute of Public Administration in Maastricht (NL).
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Heft 02/2010 Seite 21 PDF-Version dieses Artikels

 

"Die Energieallee A 7 – größer Denken, offensiver Kommunizieren"

Die Beschleunigung des Ausbaus Erneuerbarer Energien braucht mit der A 7 einen nationalen Leuchtturm und eine Kommunikationsoffensive

 

Eine Idee für die Ausredengesellschaft … Vor zwei Jahren hatte ich die Idee einer Energieallee an der A 7 in meiner Kolumne „oekosex“ in der taz spielerisch vorgestellt (siehe www.oekosex.eu). Dazu angeregt hatten mich Hermann Scheers frühere Überlegungen, bestehende Infrastrukturtrassen als wesentliche Flächen für die Erneuerbaren zu nutzen. Warum dies nicht konkret an einem Leuchtturmprojekt festmachen und offensiv bewerben? Da ich aus dem württembergischen Ostalbkreis stamme, habe ich natürlich auch ein ganz eigennütziges Interesse. Ich möchte etwas anstoßen, was unter anderem die Planung in Sachen Windenergie in meiner schwäbischen Heimat verbessern könnte. Freundlicherweise hat Hermann Scheer im letzten Jahr die Grundidee der Energieallee aufgegriffen. Sein Büro hat darauf eine erste Analyse der Windstandorte an der A 7 erstellt und ein Konzept erarbeitet, das bereits in dieser Zeitschrift vorgestellt wurde (Solarzeitalter 3/2009, S.31 ff.).

Diese erste Analyse zeigt, dass die Trasse sich tatsächlich eignet. Mehr als 1.200 potentielle Standorte allein für Windanlagen: es lohnt sich also in der Kategorie „Verkehrstrasse“ zu denken. Es lohnt sich, die Vorteile in Sachen Vorbelastung des Landschaftsbildes, Naturschutz, Lärmemissionen und Abstand zur Bebauung ernsthaft zu diskutieren. Meiner Ansicht nach ist das Konzept eine Steilvorlage, um die teils festgefahrene Planungssituation in einigen Ländern und Landkreisen aufzumischen. Das EUROSOLAR-Konzept zur A 7 diskutiert im Detail, an welchen Stellschrauben der Landes- und Bundesgesetzgebung hier gedreht werden muss, um eine vereinfachte Ausweisung solcher Flächen entlang einer Autobahn zu ermöglichen. Vor wenigen Wochen haben wir darüber in Kassel im Rahmen einer EUROSOLAR-Konferenz interessante Debatten geführt mit Abgeordneten aus verschiedenen Landtagen. Als Ergänzung möchte ich in diesem Artikel nochmals näher darauf eingehen, warum die Energieallee auch die Chance bietet einer ganz neuen offensiven Kommunikation in Sachen Erneuerbarer Energien.

Streit um Erneuerbare auch ein Streit um Ideen und Vorstellungen

Mich wundert immer, dass Aspekte der gesellschaftlichen Kommunikation der Erneuerbaren kaum ernsthaft diskutiert werden. Und das, obwohl die Geschichte der Erneuerbaren nicht zuletzt ein Streit war um die gesellschaftliche Deutungshoheit ihrer künftigen Rolle im Energiemix. Nebenbei bemerkt, war beispielsweise die systematische Ausblendung ihrer Potentiale, die größte Fehleinschätzung des Mainstreams der etablierten Energieexperten der letzten Jahrzehnte. Gerade weil diese im Konzert mit den Energiekonzernen den Diskurs vorgaben, war es ein langer Weg, bis die Vorstellung einer künftig dominierenden Rolle der Erneuerbaren nicht mehr Hirngespinst einiger weniger, sondern zur Mainstream-Auffassung von Medien und Politik wurde. Heute sind wir einen Schritt weiter. Die Erneuerbaren stehen in allen Parteiprogrammen. Kein Wirtschaftsjournalist kommt an ihnen vorbei. Jetzt geht es darum, die Idee der schnellen 100 %-Versorgung „mainstreamfähig“ zu machen. Noch versucht es die Regierung beispielsweise mit dem pfiffigen Bild der notwendigen Brückentechnologie. Vollversorgung erst in 2050. Bis dahin immer noch Kohle und Atom. Das Konzept der Energieallee ist vor allem auch eine Herausforderung an die Protagonisten dieser Ausredengesellschaft. Sie soll insbesondere durch die freche und spektakuläre Umdeutung der Idee des Großprojektes das Verständnis der Gesellschaft und der Medien für die Vorzüge dezentraler Energieproduktion verbessern.

Offensive Kommunikation

Nochmals die Idee und ihre Kommunikation kurz vorgestellt: die A 7 ist die längste Nord-Süd-Trasse Deutschlands. Sie verbindet Länder und Landkreise von Flensburg bis Füssen. Die Autobahn an sich ist bis heute, so unglaublich das unter dem Gesichtspunkt einer nachhaltigen Entwicklung klingt, in Deutschland für viele immer noch Symbol für Wohlstand, für wirtschaftliche Entwicklung und persönliche Freiheit. Und die Erneuerbaren? Müssen die Autobahn in diesem Sinne beerben. Was liegt da näher als Erneuerbare und Autobahn zusammen zu denken. Die Autobahn wird zur Energieautobahn und zur Energieallee und zum nationalen Leuchtturm des Ausstiegs eines Industrielandes aus der fossilen Welt. Auf der Konferenz in Kassel wurde ich gefragt, warum es denn ausgerechnet die Autobahn sein müsse, die doch für soviel Umweltzerstörung und das fossile Zeitalter stehe. Genau darin liegt der Reiz dieser Idee. Es ist die freche Aneignung und Umdeutung der Autobahn. Es ist das Denken jenseits der Schablonen. Die Autobahn wird multifunktional und ihre Trasse dient der Problemlösung. Warum sollten es Autofahrer, oder der ADAC, nicht auch begrüßen, dass hier für das Auto und seine Zukunft eine große Chance liegt. Einfach gesagt: Unsere tolle deutsche Autobahn macht nun auch Strom. Damit wird sie an ein neues nachhaltigeres Zeitalter angeschlossen. Die passenden faszinierenden Bilder sind schnell gefunden. Da ist beispielsweise die Elektrotankstelle direkt an der Energieallee. Das Elektroauto der Zukunft tankt den Autobahnstrom direkt an der Raststätte. Nicht zuletzt ist die Energieallee auch die angemessene Infrastruktur für den Verkehr von morgen und passt hervorragend zur Vision der elektrischen Mobilität. Ja, diese Elektromobilität macht nur Sinn mit Erneuerbaren. Warum nicht gleich an der Autobahn Energie ernten?

Was liegt näher, als diese Energieallee auch als ein Leuchtturmprojekt zu kommunizieren, als Kommunikationsoffensive in Sachen Erneuerbare in der Region und als Schaufenster deutscher Technologie mit internationaler Ausstrahlung. Bisher verband man im Ausland mit der deutschen Autobahn die Vorstellung uneingeschränkten Tempos. Warum sollen Amerikaner und Chinesen nicht an die deutsche A 7 pilgern, um die längste Energieallee der Welt zu bewundern? Die Transformation der Autobahn zur Energieautobahn hat auch das Potential zum internationalen Symbol eines neuen Energiezeitalters.

Vergleich mit anderen Großprojekten

Damit steht die Idee natürlich im Wettbewerb mit anderen Großprojekten: warum ein neues Kohlekraftwerk planen, wenn die Erneuerbaren in solcher Dimension geplant werden können? Warum Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, wenn die Anteile der Erneuerbaren mit Riesenschritten vervielfacht werden können? Natürlich provoziert die Idee auch den Vergleich mit Großprojekten im Bereich der Erneuerbaren. Auch das ist gewollt. Die freundliche Berichterstattung und Kommunikation der Desertec-Idee in den deutschen Medien war für mich eine wesentliche Inspiration. Sowohl Desertec als auch Off-Shore-Visionen haben sicherlich in Deutschland die gesellschaftliche Wahrnehmung der Machbarkeit einer 100 % erneuerbaren Versorgung vorangebracht. Dies halte ich für eine positive Auswirkung, jenseits der kontroversen Debatte über die politische Sinnhaftigkeit von Desertec im Verhältnis zur dezentralen Produktion, die ja auch bei EUROSOLAR geführt wird. Bezeichnenderweise begannen die Wirtschaftsredaktionen die Erneuerbaren erst so richtig ernst zu nehmen, als die Verknüpfung von Erneuerbaren und Zentralität präsentiert wurde. Am besten noch in den Händen der großen Energiekonzerne, was immer noch fälschlicherweise als Garant für Wirtschaftlichkeit und technische Machbarkeit gilt. Insofern ähnelt sich die Kommunikation in Sachen Desertec und Off-Shore. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es mehr Phantasie erfordert, die Ablösung der fossilen Energien auch noch als Abschied von der zentralen Großkraftwerksversorgung und deren Protagonisten zu denken. Roland Koch hatte in diesem Sinne im letzten Jahr in einem Interview die Übernahme der Erneuerbaren durch die Konzerne bereits als wirtschaftspolitische Notwendigkeit beschrieben (Wirtschaftswoche, 18.1.2010).

Die Begeisterung der Medien über die zentralen, erneuerbaren Großtechnologien haben leider auch den Blick darauf verstellt, welche Potentiale in Deutschland in den Regionen tatsächlich aufgebaut werden können und zu welchem Preis. Die tatsächlich revolutionäre Idee der 100 %-Region, die sich im Moment in Deutschland in vielen Landkreisen etabliert, wird noch kaum wahrgenommen. Ihr fehlt bisher die bundesweite Ausstrahlung. Noch hält sich in den Medien beispielsweise das Gerücht Energieerzeugung auf hoher See oder in der Wüste sei günstiger, weil die Sonne länger scheine oder der Wind stärker blase. Leicht führt dies dann zur Infragestellung dezentraler Energieerzeugung auf dem Dach oder im Windpark nebenan. Im Streit um die Photovoltaik-Vergütung klang bereits in einigen Kommentaren an, ob man sich die EEGVergütung nicht ganz sparen könne, da dies in der Wüste doch alles viel günstiger sei. Wo Wertschöpfung stattfindet, welche Kosten für wen entstehen mit welchem Infrastrukturaufwand und welche anderen Effekte die Wahl des Ortes der Energieerzeugung auslöst, bleibt unterbelichtet. Auch wird hier auf der Kommunikationsebene nur kopiert, was beim fragwürdigen Vergleich des Kohlekraftwerks mit dem PV-Modul lange Jahre praktiziert wurde. Doch da hilft kein Klagen, sondern frische Ideen. Der dezentrale Aufbau der Erneuerbaren hat eben auch ein Marketingproblem und dezentrale Potentiale werden deshalb auch grob unterschätzt. Im Vergleich zu Desertec waren sie bisher anscheinend nicht sexy genug. Auch hält sich in vielen Redaktionen der Gedanke, Deutschland sei bereits total verspargelt und es gäbe sowieso keine Standorte mehr für Onshore-Wind. Wer die A 7 lang  fährt, fragt sich woher diese Einschätzung stammt. Auch hier geht es weniger um Fakten, sondern um Vorurteile, die in den Medien konsonant aufbereitet werden.

Die Innova tion: Ein dezent ra les Großprojekt

Auch vor dem Hintergrund dieser Vorurteile ist die Energieallee A 7 das Konzept eines anderen Großprojektes, das durch seine offensichtlichen Vorteile überzeugen soll. Eines das eben nicht in Afrika stattfindet und auch nicht draußen auf hoher See. Damit sind eben keine geopolitischen Unsicherheiten oder technische Unwägbarkeiten verbunden. Es handelt sich um ein Großprojekt, dessen technische Voraussetzungen nämlich heute bereits gegeben sind und dessen finanzieller Rahmen deutlich ist. Ein Großprojekt, das eben keine Anschubfinanzierung aus dem Staatshaushalt nötig hat, sondern mit dem Rahmen des EEG seine Investoren finden wird. Ein Großprojekt, das vor allem durch seine Nord-Süd-Trasse auch mit dem notwendigen Netzausbau gekoppelt werden kann, dessen geographische Ausdehnung auch einer dezentralen Versorgung entgegen kommt und keine gigantische Infrastrukturvorleistung nötig hat. Es geht also lediglich darum, die Chancen einer Infrastrukturtrasse zu erkennen, die Planung zu beschleunigen und als einheitliches Projekt über Landkreis und Landesgrenzen hinweg zu kommunizieren. Die Erfahrung bisher lehrt, dass noch so viele Windparks hier und PV-Dächer da, leider nicht als Großprojekt wahrgenommen werden. Eher als lokale Bedrohung, wie die merkwürdige PV-Freiflächendebatte zeigt. Oder als Opfer einer Region, die einen Windpark beheimatet.

Auch in dieser Hinsicht soll das Konzept der Energieallee ganz bewusst eine Kommunikationsoffensive sein. Erneuerbare können beides: dezentral und dennoch gewaltig sein. Kleinteilig geplant und dennoch als Teil eines faszinierenden Ganzen. Insbesondere soll die Energieallee zeigen, welche unterschiedlichen positiven Auswirkungen eine dezentrale Offensive haben kann. Und diese gehen eben weit über den Klimaschutz hinaus. Ein Großprojekt, dessen Wertschöpfung tatsächlich in den Landkreisen stattfindet, die über Landkreisgrenzen hinweg durch das Projekt solidarisch verbunden sind. So ist die Energieallee vor allem auch gedacht als echtes „Stadtwerke- und Bürgerkraftwerk“. Warum sollten nicht unzählige Bürger in den betreffenden Landkreisen Anteile an Windanlagen, Photovoltaik oder Biogas erwerben? Damit wird die Energieallee ein Angebot an die Landkreise an der Trasse zur aktiven Regionalentwicklung. Sie soll auf der Planungsebene die Bemühungen in den Landkreisen in Richtung 100 %-Region kräftig unterstützen. Die Energieallee bedeutet regionale Wertschöpfung. Dafür sollten Landräte und Kreistagsmitglieder zu gewinnen sein. Dafür können auch die Bürger eines Landkreises begeistert werden. Diese dezentrale Finanzierung und Planung stärkt natürlich auch weiter die Kräfte auf dem Strommarkt jenseits der großen Konzerne, was angesichts des ungesunden Verhältnisses in Deutschland auch eine politische Dimension erhält. Auch ungewöhnlich für ein Großprojekt: für dessen Umsetzung braucht man kein grünes Licht von irgendeiner zentralen Stelle. Dessen Umsetzung kann überall an der Trasse heute schon anarchisch beginnen. Und hat bereits begonnen. Es stehen nämlich bereits Windräder an der A 7.

Martin Unfried

URL:http://oekotainment.eu/archiv/html/die-energieallee-a-7-groesser-denken-offensiver-kommunizieren/