13.05.2012 | Sonntag | Ökosex

Gebäckträger und Radlerkasten

Warum die Form der nachhaltigen Funktion folgen und das Design von Getränkekisten endlich der Fahrradgesellschaft dienen sollte

 

Fahrräder ohne Gepäckträger sind wie französische Filme ohne Juliette Binoche. Sie machen keinen Sinn. Dennoch, und das hat mich bei meiner letzten Deutschland Reise sehr schockiert: sie sind schwer in Mode. Erst waren es die doofen Mountainbikes, die bei euch sogar in den Städten gerne gefahren wurden, obwohl der Rollwiderstand ähnlich schlecht ist wie der eines Schützenpanzers. Und jetzt im Moment sind eher diese alten Rennräder hipp: dünne Rennradreifen, abgesägte Lenker und fehlende Schutzbleche.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Was für ein Quatsch: besonders bei Kopfsteinpflaster, Regen und nach einem Großeinkauf. Da stellt mancher Hipster nämlich fest: mit ultracoolen Bikes kann man nicht mal die kleinste Kekspackung transportieren, weil diese nämlich keinen Gebäckträger haben. Und deshalb haben viele junge Leute einen Rucksack dabei, der allerdings heftig den Rücken belastet. Kein Wunder, dass eine ganze Generation später in die Rückenschule muss.

Meine These: Räder ohne Gepäckträger sind eine Einbahnstraße auf dem Weg ins Nirvana der Nachhaltigkeit. Hier wird in übler Weise die Funktion wegen lächerlicher Form Liebhabereien beschädigt. Wie kann man nur einen Gepäckträger aus Designgründen weglassen? Das raubt dem perfekten Produkt Fahrrad sein bestes Stück. Mit Gepäckträger kann ich beispielsweise als nachhaltiger Gastgeber mühelos Bierkästen mit dem Fahrrad transportieren.

Das geht bei uns in den Niederlanden ganz locker und easy: da gibt es eine besondere Technik. Bierkasten auf den Gepäckträger und dann wird dieser mit einer Hand hinten festgehalten, die andere bleibt am Steuer. Dabei hilft uns das zeitgenössische Bierkastendesign. Nach dem Motto „form follows function“ haben die niederländischen Bierkästen nämlich extra einen Griff in der Mitte, den es von oben zu bedienen gilt. Das klappt hervorragend.

So sind Getränkekisten nur ein Beispiel dafür, wie pfiffigeres Design viele Produkte des Alltags für die Nachhaltigkeit fit machen könnten. Bisher sind diese leider komplett für die Autogesellschaft konzipiert. Beispiel: der Drive-In von Fast-Food Ketten. Wie blöd sieht das denn aus, wenn man da mit dem Fahrrad in der Reihe steht. Insbesondere wenn es regnet. Hier wäre ein Tunnel ins Gebäude rein und eine gesonderte Spur im Restaurant an der Kasse vorbei nicht schlecht.

Anderes Beispiel: feine Anzüge für besonders schicke Business-Gelegenheiten. Auch in diesem Fall ist die Berufskleidung des Politikers und Bankers auf die Benutzung einer klimaschädlichen Limousine zugeschnitten. Wer jemals mit einem Anzug mit Hemd und Krawatte auf einem Rad mit Kettenschaltung einen Berg bei Hagel hinauf fuhr, der weiß, dass Ökologie und Mode noch zwei Welten sind. Ich warte immer noch auf den ersten Business-Bike Anzug, der die Seriosität des gepflegten Auftritts mit der Eleganz der klimafreundlichen Fortbewegung verbindet.

Zurück zum Bier: da hätte ich sogar einen Geheim-Tipp für Brauereien, womit diese steinreich werden können. Es gibt ja schon tolle Kästen, die man in der Mitte teilen kann. Da wäre es natürlich super pfiffig, wenn die Bierkastenhälften mit Haken versehen wären, die links und rechts wie Satteltaschen am Gepäckträger eingehängt werden könnten.Weil heute Norbert Röttgen in NRW verloren hat, stelle ich diese grandiose Ökosex-Design-Idee dem Bundesumweltminister und den deutschen Brauereien kostenlos zur Verfügung. Sozusagen als Gemeinleergut. Das ganze könnten wir „Radlerkasten“ nennen und natürlich sollten wir erst mal mit dem Vertrieb von Radler beginnen.

 

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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