31.07.2011 | Sonntag | Ökosex

Kulturelle Fragen: Atomgeschäfte, Dienstwagen, Poesie

Energiepolitik ist Kulturkampf – wie der beispielsweise in Erlangen toll geführt wird

 

Ich hab langsam das Gefühl, dass viele denken: “Och die Atomkraft, die ist abgehakt. Jetzt geht es gemütlich im Kuschelstil in Richtung Erneuerbare, weil ja alle irgendwie ganz dufte dafür sind.” Das ist natürlich Mumpitz. Gar nix ist abgehakt. Leider sehen wir, wie in Sachen Anti-AKW- Kultur schon wieder geschlampt wird. Die Kündigungen bei Atomkonzernen beispielsweise gehen bereits wieder zurück, kaum ist Fukushima aus den Nachrichten.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Anscheinend braucht es den ganz großen Schock, um die Leute zur Unterschrift bei Ökostromern zu bringen. Und dass, obwohl der ganz große Hammer eigentlich jetzt erst kommt. Diese netten Atom- und Kohlekonzerne, die doch immer nur unser Bestes wollen, verklagen uns, die Steuerzahler, auf Schadensersatz in Sachen Atomlaufzeiten. Das heißt, sie verklagen lustiger weise in vielen Fällen ihre eigenen atomkritischen Kunden.

Wenn Sie selbst Demütigungen lieben, sind diese Stromunternehmen prima Geschäftspartner für sie. Wenn nicht, dann sollten sie schleunigst die Geschäftsbeziehung beenden. Das ist beispielsweise eine Frage der Geschäftskultur.

Meine These wird in diesen Tagen schwer bestätigt: jetzt ist erst recht Kulturkampf angesagt in Sachen Energiewende. Der All-Parteien-Atomausstieg ist nämlich nur vordergründig Kuschelrock. Plötzlich trauen sich Politiker vorzuschlagen, man solle doch neue Kohle und Gaskraftwerke subventionieren. Aus dem Klimaschutzfonds, wie das Wirtschaftsministerium meint.

Ich wiederhole: fossil subventionieren. Das ist einer Kulturnation unwürdig. Zum Vergleich: Gestern lese ich in meiner Urlaubszeitung, dass ein Gemeinderat in Ostwürttemberg sich nicht traut, eine PV-Freiflächenanlage zu genehmigen, weil kritische Bürger das nicht schön finden. Es gibt nämlich immer noch unglaubliche emotionale und ästhetische Blockaden. Meistens handelt es sich um widersprüchliche Ansichten zu Landschaft und Technik. Auch das ist meistens Kulturkampf pur. Der muss in jeden Landkreis im Moment fröhlich geführt werden.

Mein Vorbild sind hier die früheren NRW Landesregierungen: die haben es sogar geschafft monstermäßige Mondlandschaften und plattgemachte Dörfer in Sachen Braunkohle als NRW Kultur zu verkaufen. Von Clement lernen heißt siegen lernen. Da wird es uns Freunden der Energiewende doch gelingen, vor Ort positive Vibrations für Wind, Sonne und Biogasanlagen auszulösen.

Zugegeben: ein härterer Brocken ist natürlich das Knacken der brumm-brumm Kultur. Die SPD in Baden-Württemberg hat jetzt beispielsweise ein Problem damit, dass die Dienstwagen der Landesregierung in Zukunft nur 130g/km CO2 emittieren sollen. Das hat der neue Verkehrsminister vorgeschlagen. Die SPD meint, das könne man doch nicht machen, weil ja der Eindruck entstünde, viele Produkte von schwäbischen Autobauern seien nicht ministrabel. Jawohl, liebe Sozis, genau darum geht es: um Fahrkultur. Die Landesregierung soll in Zukunft das Geld der Steuerzahler eben nicht mehr für Sprit und überzüchtete Steinzeitkisten aus dem Fenster werfen.

Hier noch ein tolles Beispiel, wie der Kulturkampf aktiv und lustvoll angezettelt werden kann: in Erlangen sammelt die Initiative “Poesie ohne Atomstaub” Geld, um im nächsten Jahr Hauptsponsor des Erlanger Literaturfestivals “Poetenfest” zu werden. Die Poesie wird nämlich bisher in Erlangen vom Atomkonzern Areva mit Gewinnen aus Uranabbau und Kraftwerksbau gefüttert. Da Areva ein wichtiger Arbeitgeber vor Ort ist, kann man sich vorstellen, was da los ist.

Viele lokale Politiker meinen natürlich, man könne doch nicht etwa behaupten, der Atomkonzern verdürbe die Lust an der Literatur. Tut er nicht? Wer heiter in den Erlanger Kulturkampf einsteigen möchte, kann ja mal mit einer kleinen Spende anfangen (www.Erlanger-Poetenfest-atomfrei.de).

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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