15.01.2012 | Sonntag | Ökosex

Oma‘s I-Pad ist längst Steinzeit

Viel Interesse an weniger Konsum: warum ich drei Punkte verdiene in der Konsumverweigerungsdatei in Flensburg

 

Whow! Ich hatte in meiner letzten Kolumne das bescheidene Wort "weniger" aufgeschrieben, schon hagelte es heftige Reaktionen und Anregungen. Beim Stichwort weniger Konsum fallen vielen heitere Geschichten aus der Überflussgesellschaft ein: Eltern, die drei Barbecue-Installationen in der Garage stehen haben, weil es die eben immer wieder günstig beim Aldi gab. Andere berichten von der eigenen Entrümpelung: wie schwierig es sei Produkte, sprich Ballast, wieder abzuwerfen. Wieder anderen fiel auf, wie einfach es anscheinend ist, lebenswichtige Bedürfnisse zu wecken, von deren Existenz wir gestern noch gar nichts wussten.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Aktuelles Beispiel: Mein Sohn meinte gestern, wir sollten noch ein bisschen warten, dann käme das I-Pad der dritten Generation auf den Markt. Das von Oma sei schon völlig veraltet. Oma hatte es in der I-Pad Steinzeit, also letzten April gekauft. Die Informiertheit meines Sohnes in Echtzeit zeigt vor allem, wie selbstverständlich die Medien für bestimmte Unternehmen das Mehr-Marketing übernehmen. Ich wusste bis vor ein paar Tagen nicht, dass es in Las Vegas eine unglaublich wichtige "Consumer"-Messe gibt. Plötzlich lese und höre ich überall vom neuen Tablet-Jahrgang. Kartoffel- oder Wein-Ernten interessieren niemanden mehr. In Sachen "Fernseher" wurde beispielsweise im Deutschlandfunk vermutet, dass "wir" vielleicht bald unsere gerade gekauften Flat-Screens wieder entsorgen müssten. Die fürchterliche Nachricht: viele von denen seien nicht internetfähig. Das gehe aber bald gar nicht mehr. Die neue Fernsehergeneration müsse nämlich auf jeden Fall direkt Zugriff haben auf Google-TV.

Ich hab schon öfter mal angeregt, dass Asoziale wie ich, die noch einen alten Röhrenfernseher besitzen, drei Punkte in der Konsumverweigerungsdatei in Flensburg erhalten sollten. Mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, gehören dagegen Leute, die ihre nagelneuen Flachfernseher gleich wieder verschrotten und einen Flach-Pad-TV kaufen.

Seien wir ehrlich: in der jetzigen Wachstumslogik wäre die Vernichtung von neuen Geräten - also Werten und Ressourcen - ein mutiges Zeichen gegen die Wirtschaftskrise. Genau das haben viele Ökosex-Freunde ausgesprochen: weniger konsumieren und produzieren geht ja gar nicht, weil es im jetzigen System nicht vorgesehen ist. Weil es Umsatzrückgang bedeutet, Krise, die Schließung von Betrieben und Läden, wie wir in Griechenland sehen, wo ganz banal das Geld ausgeht. Weniger Wachstum bedeutet eben erst mal auch mehr Ungerechtigkeit im Konsumparadies und tatsächlich Armut für Teile der Gesellschaft. In Griechenland, in Portugal und in Spanien schrumpft gerade die Wirtschaft. Den Griechen, die bereits an Gehalt, Rente oder Vermögen verloren haben, müssen wir wahrscheinlich nicht mit der Idee vom freiwilligen I-Pad Verzicht kommen. Ich habe eine griechische Kollegin, die das aus erster Hand erzählen kann. Wenn Leute ihre Miete, ihre Hauskredite, Strom und Wasser nicht mehr zahlen können, dann wird es schwierig über wirklich nachhaltiges Wirtschaften zu reden.

Genau deshalb sollten wir das in Deutschland auf jeden Fall tun. Weil hier viele Leute eben noch Spielräume haben und gerade erleben, wie dünn das Eis unseres angeblich guten Konsumentenlebens ist. Und wie schräg zum Teil die gesellschaftlichen Ausreden in Sachen "Weiter so". Wir erinnern uns: bis vor wenigen Monaten hatte die derzeitige Regierung die Risiken der Atomenergie zur lebenserhaltenen Notwendigkeit unserer paradiesischen Konsuminsel erklärt. Das hat sich geändert. Anderes jedoch noch nicht: jeder nicht ausgegebene Euro, liegt ja erst mal auf der Bank. Und die meisten Banken handeln wieder fröhlich mit finanz-radioaktiven Sondermüll. Im Namen unseres Wohlstands, versteht sich.

 

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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