28.08.2011 | Sonntag | Ökosex

Verspätete Avantgarde

Merkwürdig: die Kunst ist in Sachen Nachhaltigkeit nicht Avantgarde, sondern Nachhut

 

Sonne in Berlin. Für mich den Touristen hatte die Stadt letzte Woche einiges zu bieten. Laue Nächte in Kreuzberg. Radeln entlang der Spree mit Booten. Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Erstaunlich: da standen gestandene Bürger Stunden in der Schlange, um mal den Merkel’schen Schreibtisch zu sehen. Sicher auch spannend, aber nicht ganz so wie das, was 100 Meter weiter im Haus der Kulturen passierte: “Über Lebenskunst”. Ich habe ja mal einen Song gemacht, der heißt “Annie Lennox said to me, it's sustainability”. Das war der Versuch, die Nachhaltigkeit mit dem Pop zu versöhnen.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Hab mich seit Jahren gewundert, warum sich dafür weder bildende Kunst, Literatur, Film noch Musik im großen Stil beispielsweise für die solare Effizienzrevolution interessierten. Und dabei meine ich nicht, Bücher mit dem Ziel die Welt wach zu rütteln. Nein, mir geht es eher um die Selbstverständlichkeit des ökologischen Lebens in der Kunst. Die gibt es nämlich noch nicht. Oder kennen Sie einen Roman, in dem der verliebte junge Mann mutig fragt: “Kommst du noch mit hoch? Ich zeig dir wie meine Module auf dem Dach glänzen!” Wo bitte ist das Roadmovie, in dem die Helden mit der Car-Sharing Kiste ganz am Ende doch noch pünktlich um 17.30 Uhr zurück sind? In welchem Krimi nehmen die Kommissare mit dem Pedelec die Verfolgung auf? Wo wird jemand mit einer Fahrradpumpe ganz hinterlistig erschlagen? Wer choreografiert das erste Holzpellet-Ballett? Nein. Nicht mal einen Kabarettisten gibt es in Deutschland, der lustige Klimakatastrophenwitze macht. Das ist angesichts der ökologischen Krisen sehr traurig.

In Berlin gab es nun gezielt „Überlebenskunst-Projekte“. Über das wilde Leben beispielsweise. Ich wusste gar nicht wie viele Wildschweine in Berlin leben. Es sind tausende und da gibt es eine tolle Karte (www.berlinwildlife.org). Eine super Idee fand ich auch die „Pfandflaschenumverteilungsstation“. Ein tolles neues deutsches Wort. Wer möchte könnte seine Pfandflasche da rein stellen. Sie soll Flaschensammlern in der Stadt die Arbeit erleichtern, die mit Pfand was verdienen wollen.

Ein Jahr lang hatten sich Leute mit dem Catering der Veranstaltung beschäftigt, um es künstlerisch regional zu halten. Das ausgeschenkte Wasser war klasse. Das wurde nämlich vor Ort aus dem Hahn in Flaschen gefüllt. Eine andere Idee zur Verwendung von Abfallenergie in der Stadt präsentierte kleine Windrädchen in der U-Bahn. Das war dann doch eine Spur zu putzig. Eben kein visionärer Berlin-Energiering mit 7 Megawatt Mühlen rund um Berlin, sondern harmloses Pillepalle. Interessanterweise eben gar nicht Avantgarde, sondern Nachhut. Da kam mir die Kunst ein bisschen vor wie die hippe Metropole Berlin.

In Sachen Energiewende und Nachhaltigkeit sind viele deutsche Kleinstädte und Landkreise erheblich weiter. Da ist einigen Provinzlern das Kunststück gelungen, die Energiewende in Beschlüsse von Kreistagen und Gemeinderäten zu gießen mit konkreten Windparks. Nebenbei bemerkt, auch die zelebrieren Ende September (www.100-ee-kongress.de) wieder ein tolles Festival. Auf der Berliner Überlebenskonferenz wurde dagegen noch von neuen, globalen Web Communities und Netzwerken geschwärmt, die endlich die Wende bringen müssten. Das fand ich dann doch ein bisschen retro. Überhaupt war viel von Komplexität die Rede. So wurde bei einer Diskussion Harald Welzer gefragt, ob denn nicht alles für uns viel zu komplex sei, um das Richtige zu tun. Er rief zu Recht, einige Dinge seien doch ganz einfach und die wüssten wir auch. Und meinte damit, dass unser Wirtschaftssystem und unser Lebensstil ressourcenverschlingend seien. In diesem Sinne schlug ich bei einer anderen Diskussion vor, die Komplexität der CO2 Tonnen abzubauen und sich mal einfach mit den eigenen absoluten Verbrauchzahlen in Sachen Strom, Sprit und Wärmeenergie zu beschäftigen.

Da entgegnete mir eine Festivalbesucherin, diese abstrakten Zahlen interessierten sie nicht. Denn erst müsse sich das Gefühl in der Gesellschaft verändern, dass sich was ändern müsse. Da blieb ich ratlos zurück. Ratlos war ich auch auf meiner anschließenden Fahrt mit dem Rad über Wilmersdorf nach Kreuzberg. Obwohl viele das Gegenteil behaupten, find ich die Berliner Radinfrastruktur immer noch lausig. Es brauchte für meine Fahrt nämlich immer noch viel Überlebenskunst. Ich plädiere deshalb immer noch für das Architekturprojekt „überdachte Fahrradhochbahn“ für Berlin. Aber die Avantgarde braucht noch Zeit.

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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