07.04.2013 | Sonntag | Ökosex

Welzer 5 : Fücks 5

Hält geistig fit: Zwei Weltenrettungsbücher mit gegensätzlichen Standpunkten synchronlesen

 

Es gibt zwei große Ökosex-Trends nach Ostern 2013. Denken und Tun. Erst zum Tun. Mineralwasser trinken in der Kneipe und zuhause ist bekanntlich super uncool. Ich frage jetzt in jedem Schuppen immer nach Leitungswasser, weil Leitungswasser einfach besser schmeckt. Die anderen Gründe muss ich ja nicht mehr nennen. Zum Leitungswasser gibt es einige tolle Kampagnen. Bei mir in den Niederlanden und in Belgien ist das beispielsweise “krnwtr”, das ist eine witzige Abkürzung von kraanwater, Leitungswasser (www.krnwtr-drinkkraanwater.nl). Sehr gut finde ich auch “soulbottles.com”. Das ist ein deutsch-österreichisches Start-up. Da kann man mit bescheidenen Beträgen gerade einiges in Gang setzen (www.startnext.de/soulbottles-and-soulwater). Das mache ich, weil mir das Design der Soulbottles super gefällt.

Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de *)
Illustration von heymiro.de, zuerst veröffentlicht auf utopia.de

Vom Tun kommt man schnell zum Denken. Macht das wirklich Sinn, was ich tue? Der neue Trendsport heißt Synchronlesen von Büchern mit unterschiedlicher Ansage. Das hab ich an Ostern gemacht. Ich habe Harald Welzers “Selbst Denken” und Ralf Fücks “Intelligent Wachsen” nebeneinander gelegt. Da geht es ja schlicht darum, wie die Welt ein bisschen besser werden könnte. Ob “grünes Wachstum” die Lösung ist (Fücks) oder der Bruch mit der Wachstumslogik und der persönliche Widerstand (Welzer) gegen das zerstörerische Geschäftsmodell der Mineralölkonzerne, der Agrarindustrie, des Finanzsektors. In beiden Büchern geht es intellektuell zur Sache. Der “Futur II” Bedenker Harald Welzer meint zu Recht, die fixe Idee vom grünen Wachstum und der Entkopplung von Energie- und Ressourcenverbrauch sei ein grüner Pudding, den man meint sowohl haben zu können als auch zu verspeisen (englisches Sprichwort1). Er nennt grünes Wachstum eine “alchimistische Perspektive”, also etwas sehr Irreales.

Der Chef der Heinrich Böll-Stiftung Ralph Fücks dagegen teilt zu Recht aus gegen derartigen Pessimismus und Postwachstumsprosa: angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung mit all ihren Nöten, Wünschen und Ambitionen grenze der Traum von der Postwachstumsgesellschaft an Realitätsflucht. Der Schlüssel für nachhaltiges Wachstum liege in einer Entkopplung von Wertschöpfung und Naturverbrauch. Natürlich widerspricht Welzer zu Recht: Keine Entkopplung, nirgends. Nur Verrückte könnten glauben, dass es in einer physikalisch begrenzten Entität von allem immer mehr geben könnte. Schon national verschwinde die Entkopplung ins Reich der Phantasie, global gehe das schon gar nicht. Hinter Welzer steht natürlich Niko Paech, der ausgiebig zitiert wird: “Unter den Bedingung eines beständigen Wirtschaftswachstums sei es unmöglich, die Ökosphäre absolut zu entlasten.”

Worauf Fücks im Geiste von Ernst Ulrich von Weizsäcker zurecht entgegnet, wir sollten Begeisterung für eine grüne industrielle Revolution wecken und insbesondere gewaltige Investitionen in Umwelttechnologien. Er macht sich dann über Welzer lustig, der meint, weil das Klimaproblem durch Technikeinsatz entstanden sei, könne Technikeinsatz als Teil des Problems nicht die Lösung sein. Genauso könne man laut Fücks der Demokratie, die uns in die Misere geführt habe, die Fähigkeit absprechen, die Probleme zu lösen. Welzer wiederum sieht zu Recht die Notwendigkeit gegen eine Politik Widerstand zu leisten, die Zukunftsfeindlichkeit unterstützt und fördert. Sein Thema ist die politische Heimatlosigkeit des Befürworters der nachhaltigen Moderne. Kein politischer Akteur würde heute gegen die Absichten von BP, Exxon, Gazprom vorgehen, weil beispielsweise auch der Aufstieg der Mittelklassen in den Schwellenländern daran hänge. Das ethisch wünschenswerte Ziel global nur annähernd egalitärer Wohlstandsniveaus stehe deshalb im Widerspruch zu allen Nachhaltigkeitszielen. Nun ist für Welzer die Schlussfolgerung daraus nicht etwa, dass man den Wohlstandzuwachs bei den Armen nicht zulassen solle, sondern die Forderung richtet sich an uns: wir müssen die Komfortzone verlassen, verzichten, abgeben und andere Modelle des Verteilens, Wirtschaftens und Lebens entwickeln. Allerdings nicht durch schöne Appelle, sondern durch gutes Tun (Funny van Dannen), durch die Nutzung unserer Handlungsspielräume.

Das findet Fücks nun zu Recht wieder naiv und sehr auf Europa zentriert: gegen den ökologischen Calvinismus (Sloterdijk) spreche, dass Vielfalt von Optionen, Konsumfreiheit, Mobilität, Geschwindigkeit unmittelbar mit der Moderne verbunden seien. Diese Phänomene seien keine äußerlichen Attribute, sondern Daseinsformen des modernen Individuums. Wo Fücks meint, es gehe nicht um ein Programm der Menschenverbesserung, plädiert Welzer für eigene “moralische Streckübungen” (Günther Anders), um eigens Handeln zu ändern im Angesicht des zerstörerischen Potentials unserer Lebenspraxis.

Puuuh, Synchronlesen ist natürlich heavy. Das hört sich jetzt tatsächlich nach großen Meinungsverschiedenheiten an. Aber wie gesagt, hier geht es ums Denken. Für das Tun hat das eigentlich keine Auswirkung. Beide plädieren für Ökosex. Mal in lila, mal in blau.

 

MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEX

 

Links zur Kolumne:
http://www.krnwtr-drinkkraanwater.nl
http://www.soulbottles.com
http://www.startnext.de/soulbottles-and-soulwater
Selbst denken : eine Anleitung zum Widerstand / Harald Welzer | KATALOG DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK: http://d-nb.info/1028142358
Intelligent wachsen : die grüne Revolution / Ralf Fücks | KATALOG DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK: http://d-nb.info/102909876X

1) "You can't have your cake and eat it." | Wörtlich: "Man kann nicht gleichzeitig den Kuchen essen und behalten." | Deutsche Entsprechung: "Man kann nicht alles haben." Quelle: http://de.wikiquote.org/wiki/Englische_Sprichw%C3%B6rter

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*) Die Grafik wird wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von: Miro Poferl und Utopia

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