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Klimabilanz der taz

Chefreporter der taz und Chefredakteur des taz-Magazins zeozwei für Klimapolitik und Klimakultur. | Foto: Anja Weber
PETER UNFRIED ist taz-Chefreporter | Foto: Anja Weber

13.09.2016 | Freitag | zeozwei 04.2016 | Debatten der Gegenwart

Unendliche Reichweiten

Das fossil betriebene Auto gilt als Freiheitsversprechen, das E-Auto als Freiheitsbeschränkung. Wie kommt das?

 

Die beiden häufigsten Mainstreamargumente gegen das Elektroauto sind der Preis und die Reichweite. Das eine gilt als zu hoch, das andere als zu niedrig. Das Preisargument ist deshalb interessant, weil es ja nie angewandt wird für Autos, die als geil gelten.

Autos funktionieren über zwei Dinge: Möglichst sein Geld wert sein. Und möglichst sein Geld nicht wert sein, das nennt man Luxus- und Prestigekonsum. Der Witz am Maserati oder Porsche oder an irgendeinem Hunderttausend-Euro-Auto besteht ja darin, dass er sein Geld nur deshalb wert ist, weil er es nicht wert sein kann. Ein popliger Passat ist sein Geld auch nicht wert, aber er wird in dieser Gefühlskategorie verkauft und gekauft. Ab 43.625 Euro, aber dafür mit 240 PS und Allradantrieb.

Ein Elektroauto für 35.000 Euro gilt dagegen als maßlos überteuert. Es wird also von den Autoverkäufern und den geistig angeschlossenen Autotestern in die Kategorie einsortiert: sein Geld nicht wert. Während Autolobbyisten sonst bei jeder Pseudoinnovation so tun, als hätten sie das nächste Rad erfunden, präsentieren sie den wirklichen Systemwechsel vom Verbrennungsmotor zum Elektromotor nicht einmal als Lösung, sondern fast ausschließlich als Problem.

Versteht mich nicht falsch, es gibt jede Menge zu kritisieren am Elektroauto, unter anderem den Ressourcenverbrauch, und wenn statt achthundert Millionen bald zwei Milliarden Autos auf dem Planeten geparkt werden, ist das auch mit komplett aus erneuerbaren Energien erzeugtem Strom ein Problem. Auch ein E-Auto ist ein Auto und öffentlicher Nahverkehr und Fahrrad sind in der Stadt sowieso besser und erst recht, solange man nicht selbstproduzierten Strom laden kann, damit das E-Auto wirklich ein EE-Auto ist. Eigenstrom vom Dach im eigenen Auto. Dieses Freiheitsversprechen für Leute mit Haus und Garage existiert noch gar nicht: Dabei ist das im ländlichen Raum die Freiheitsoption Nummer eins. Das Mainstreamdenken ist dominiert von dem Bestreben, die fossile Scheinfreiheit zu erhalten. Das wird in der Reichweitenargumentation gespiegelt.

Hier hilft es überhaupt nicht, darauf hinzuweisen, dass 95 Prozent aller Fahrten kürzer als 50 Kilometer sind. Es hilft auch nicht zu sagen, dass der moderne Mobilitätsnutzer selbstverständlich für seinen Italienurlaub jederzeit ein Auto mieten kann, das die entsprechenden Bedürfnisse erfüllt (Kofferraum, Reichweite, Personenanzahl). Auch der akademische Linksliberale erzählt einem mit der größten Selbstverständlichkeit, dass er seinen Opel Zafira oder VW Tiguan ja leider »braucht« wegen dieser einmaligen Jahresfahrt.

Es geht nicht darum, das zu beklagen. Es geht darum, die dahinterliegende Logik zu verstehen. Sie geht so: Wenn wir große Autos mit fossilen Brennstoffen fahren, dann haben wir eine maximale Reichweite. Wenn wir kleinere Autos mit Elektromotor fahren, haben wir nicht mehr die maximale Reichweite. Das ist nicht trivial, dahinter steht die Sorge, etwas zu verpassen. Termin, Kita, Schule, Urlaubstag. Vor allem geht es uns im Sinne von Hartmut Rosa (siehe das Gespräch in diesem Heft) darum, immer die Option einer maximalen Weltreichweite zu haben. Wir könnten mit unserem Auto und einer Tankfüllung abends aus der Kneipe einfach losfahren.

Die Idee, es ginge im Leben um potenziell maximale Reichweiten, führt dazu, dass das von endlichen Energien betriebene Auto für unendliche Freiheit steht, das mit unendlicher erneuerbarer Energie zu betreibende Elektroauto aber als Beschneidung unserer Freiheit und unserer Zukunft gilt. Die Abhängigkeit von Öl und anderen fossilen Rohstoffen und die Folgen dieser Abhängigkeit für die Existenz unserer Gesellschaften und unseres Wohlstandes sind ein Pups im Vergleich zu der Angst, in Dessau mit leerer Batterie stehen zu bleiben.

Deshalb gilt die fossile Endlichkeit als bewahrenswerte Freiheit, die erneuerbare Unendlichkeit aber als Beschränkung der Freiheit.

VON PETER UNFRIED

Chefreporter der taz und Chefredakteur des taz-Magazins zeozwei für Klimapolitik und Klimakultur.

 

13.09.2016 | Freitag | zeozwei 04.2016 | Seite 42 | Debatten der Gegenwart | Unendliche Reichweiten | Das fossil betriebene Auto gilt als Freiheitsversprechen, das E-Auto als Freiheitsbeschränkung. Wie kommt das? | Bio: de.wikipedia.org/wiki/Peter_Unfried

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