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Klimabilanz der taz

Martin Unfried | Copyright eipa.eu
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22.02.2011 | Dienstag | Aufsatz für das Buch „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern

Die »100-Prozent-Erneuerbare-Energie-Region« anstoßen

Streichen Sie Klimaschutz aus Ihrem Vokabular. Sprechen Sie von Millionen Euro im Dienste der regionalen Wertschöpfung.

 

Was macht eigentlich Ihr Kreistag in Sachen erneuerbare Energien? Oder Ihr Gemeinderat? Gibt es bei Ihnen bereits konkrete Ziele für den Aufbau heimischer Erneuerbarer? Wissen Sie, wie der Landrat dazu steht oder der Oberbürgermeister? Was sagen denn wichtige Politiker im Kreis zur Ästhetik der Windenergie oder zu Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Ihrer schönen Gegend? Wie positionieren sich die regionalen Unternehmen? Wie, das wissen Sie nicht? Das ist schlecht. Hier ein Tipp: Kümmern Sie sich mal um die kommunale Ebene. Da spielt die Musik, da ist viel zu bewegen.

In Deutschland hat sich nämlich - fast unbemerkt vom Mediengetöse - ein entscheidender ParadigmenwechseI vollzogen: Plötzlich werden Pionierlandkreise, Städte und Gemeinden zu aktiven Akteuren der Energiepolitik. Nicht nur, dass viele Kommunen gerne ihre Stromnetze zurückkaufen wollen und Stadtwerke wieder in Mode sind. Es entsteht eine kraftvolle Bewegung von sogenannten »100-Prozent-Erneuerbare-Energie-Regionen«. Plötzlich geschieht Unerhörtes wie im Ostalbkreis in Baden-Württemberg: Dort hat der Kreistag im Sommer 2010 beschlossen, bis 2025 in einem ersten Schritt 50 Prozent des Energieverbrauchs aus heimischer, erneuerbarer Energie zu decken. Das ist der konkrete Aufbruch zur 100 Prozent-Region. Das heißt, mit ein bisschen »Wir-sind-doch-alle-für-Erneuerbare« ist das nicht zu machen. Jetzt ist die Politik vor Ort gezwungen, ernst zu machen und mit einem konkreten Plan in Sachen Effizienz und Erneuerbare zu kommen.

Wie es  dazu kam? Im Ostalbkreis herrscht alles andere als eine grüne Mehrheit. Es war auch weniger der Gedanke des Klimaschutzes, der politisch überzeugend war. Es war die Kommunikation der regionalen Wertschöpfung. Den Kreistagsmitgliedern war plötzlich klargemacht worden, dass im Jahr rund 200 Millionen Euro abfließen. Das sind nämlich die Kosten für Öl, Gas, Kohle- und Atomstrom. Und plötzlich entsteht ein Mainstream, der dieses Geld durch Effizienz und Erneuerbare abschöpfen möchte. Plötzlich wurde auch viel deutlicher, welche Unternehmen vor Ort profitieren können. Plötzlich beleuchtete eine wissenschaftliche Potentialanalyse die regionalen  Chancen bei Wind, Sonne und Biomasse. Und niemand kann jetzt mehr sagen, dass es nicht geht.

Lokale oder regionale Parlamente sind heute sehr offen in Sachen Erneuerbare. Oft braucht es aber den Anstoß von außen und das Vorbild von Pionierlandkreisen, um selbst konkrete Ziele zu definieren. Da können Sie was bewegen. Ihr Landkreis hat noch keinen konkreten Beschluss zur regionalen Wertschöpfung mit erneuerbaren Energien? Das ist prima. Dann können Sie heute anfangen, diesen auf den Weg zu bringen. Wenn Sie zu denen gehören, die keine regionale Zeitung mehr lesen, dann sollten Sie morgen wieder damit beginnen. Sie müssen nämlich wissen, wer im Kreistag oder im Gemeinderat was zu sagen hat. Sie müssen vor Ort Bescheid wissen, ob der BUND oder Greenpeace bereits für die 100-Prozent-Region streiten. Und wer eigentlich die potentiellen Unternehmer und Handwerker sind, die die Idee klasse finden, weil es um ihr Geschäft geht.

Keine Angst, Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Schauen Sie mal auf der Seite www.100-ee.de vorbei. Da sehen Sie all die Regionen in Deutschland, die bereits auf dem Weg sind. Rufen Sie doch mal jemanden an, der erfolgreich einen Kreistag bearbeitet hat. Wie kontaktiere ich am besten einen Landrat oder die Fraktionsvorsitzenden? Gibt es überhaupt eine regionale oder lokale Potentialanalyse mit Blick auf Erneuerbare und Effizienz? Wenn nicht, wer könnte die machen? Wer sind die Energieexperten in der Kreisverwaltung, und wer bestimmt über potentielle Standorte von Windrädern? Suchen Sie Verbündete, die diese Dinge schon wissen.

Vielleicht können Sie ein Netzwerk gründen, das die bekannten Akteure zusammenbringt. Oft sind Umweltverbände, Unternehmer und Handwerker aus dem Bereich Erneuerbare erstaunlich schlecht vernetzt vor Ort. Da könnte eine Veranstaltung helfen: »Auf dem Weg zur 100-Prozent-Region«. Laden Sie Mutmacher aus anderen Regionen ein, die bereits Erfolge vorweisen können und Ihre lokalen Meinungsführer überzeugen können.

Vor allem brauchen Sie eine Kommunikationsstrategie. Streichen Sie Klimaschutz aus Ihrem Vokabular. Sprechen  sie von Millionen Euro im Dienste der regionalen Wertschöpfung. Sprechen Sie davon, dass wir nicht länger den Ölmultis und den Scheichs unser Geld in den Rachen werfen. Sprechen Sie von heimischer Energie. Erneuerbare klingt so sperrig. Kommen Sie mit konkreten Zahlen. Pro Bürger 1000 Euro, die grob geschätzt abfließen. Das sind im Landkreis schon mal 200 Millionen. Die wollen wir hierbehalten. Also heißt Energieeffizienz und Einsparung eben auch Arbeit für das Handwerk vor Ort. Und erneuerbare Energien heißt Pachterträge für Landwirte und Rendite für beteiligte Bürger. Sprechen Sie von regionalen Investitionen. Werben Sie für Bürgerbeteiligung, Energiegenossenschaften, für Akzeptanz und Netzwerke. Vergessen Sie Kyoto, die Malediven und die folgenden Generationen. Auch wenn es schwerfällt: Vermeiden Sie auch unnütze Atomdebatten mit den Atomfreunden von der CDU. Kommunizieren Sie Begeisterung für Energieproduktion vor Ort, für das Comeback der regionalen Energiewirtschaft. Kommunizieren Sie vor allem eins: Die regionale Energiewirtschaft ist der Normalfall und Großstrukturen und globale Öldeals ein historischer Irrtum. Denn die Ära der regionalen Energiewirtschaft mit Biomasse, Wind- und Wasserkraft endete erst vor einem Jahrhundert. Heute haben Kommunen und Landkreise die Chance, endlich wieder eine heimische Energiewirtschaft auf die Beine zu stellen. Seien Sie vor Ort die Avantgarde.

Von Martin Unfried

www.100-ee.de

aus „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ | Seite 80 | ISBN 10: 3938060344 | ISBN 13: 9783938060346) | EUR 12,95 | erschienen am 24.02.2011 bei Westend Verlag GmbH und die tageszeitung | Westend, Frankfurt, M. | taz, Berlin | Flexibler Einband / kart. | 192 Seiten | 21 cm | Herausgegeben von Pohl, Ines [Hrsg.] | Kartoniert | Sprache: Deutsch | KATALOG DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK: http://d-nb.info/1009021664 | www.westendverlag.de und www.taz.de
„50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ von Ines Pohl - Inhaltsangabe:

„Spätestens Stuttgart 21 hat es gezeigt: Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bürger der Politik folgen und vertrauen. Aber wir alle wissen häufig nicht, wo wir konkret ansetzen können. Hier liefert das Buch 50 Ansätze für jedermann, um im Großen genauso Einfluss zu nehmen auf gesellschaftliche Verhältnisse wie im Kleinen auf das persönliche Lebensumfeld. Kein typischer Ratgeber, sondern ein Sachbuch mit Gebrauchswert.“

22.02.2011 | Dienstag | Aufsatz für das Buch „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ | MARTIN UNFRIED

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