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Klimabilanz der taz

Foto: Fee Kirsch
Martin Unfried mit Ökosex-T-Shirt

25.05.2010 | Dienstag | Ökosex

Solargott Gottschalk

WARUM DER KLIMASCHUTZ UND ÖKOSEX BEI "WETTEN, DASS …?" EINEN ENTSCHEIDENDEN LOBBYERFOLG FEIERN KONNTEN


Da saß ich auf meinem Sofa und weinte. Er hatte Carport gesagt. Er hatte Fotovoltaik gesagt. Er hatte einen solaren Carport versprochen als Hauptgewinn für den anrufenden "Wetten, dass …?"-Zuschauer. Ein Traum? Nochmals vergewisserte ich mich bei meinen Kollegen auf dem Sofa. Hatte ich mich verhört? Hatte dieser große, alte Meister der automobilen und atomaren Brachialschleichwerbung eben den Namen eines neuen Sponsors genannt? Kam über die Gottschalk'schen Lippen tatsächlich der Firmenname Solarworld?

Bestätigend nickten die anderen erfahrenen Sponsoring-Analysten. Da kam schon die Totale auf eine wunderschöne PV-Modulfläche. Sah super aus! Dann die Totale auf einen Stecker, der an der Steckdose eines Autos angebracht wurde. Mit einem solaren Carport, schwärmte Solargottschalk, könne man sein Elektroauto direkt zu Hause aufladen. Da war kein Halten mehr: Mir schossen die Tränen der solaren Freude über die Wangen.

Die langjährigen Freunde dieser Kolumne wissen, warum mir das so zu Herzen ging. Vor drei Jahren hatte ich in einem heiteren Text den radikalen Austausch der Sponsoringpartner bei "Wetten, dass …?" gefordert, nämlich als wesentlichen Baustein der deutschen, europäischen und internationalen Klimaschutzpolitik.

Damals konstatierte ich, die Hegemonie fossiler und automobiler Steinzeitsponsoren sei wesentliches Problem einer heiteren Klimakultur. Sowohl die Audis als auch der Atomstrom verstellten einem Millionenpublikum emotional den Weg ins Nirvana des ewig Erneuerbaren.

Und jetzt kommt's: In einem Traumszenario hatte ich skizziert, wie in einer wunderbaren Zukunft beispielsweise die PV-Firma Solarworld die Macht bei "Wetten, dass …?" übernähme.

Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass damals viele Ökos die Relevanz dieses Kulturkampfes noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Lange blieb ich ein einsamer Rufer in der fossilen ZDFSponsoringwüste. Ich schrieb sympathische Briefe an den Intendanten, um ihn für eine Art "solare Erneuerung" zu begeistern. Daneben konspirierte ich mit progressiven Mitgliedern des Fernsehrates des ZDF.

Ein kleiner Teilerfolg war der Verzicht auf den Audi R8, das öffentlich-rechtliche Werben für den Rennwagen mit über 300g/km CO2. Dieser wurde durch einen kleineren A4 ersetzt, was vom Intendanten ausdrücklich als Klimaschutzengagement verkauft wurde.

Natürlich konnte das nur ein Anfang sein. Noch musste ein unglücklicher "Wetten, dass …?"-Zuschauer Atom- und Kohlestrom gewinnen von E wie einfach. Noch dominierte also neben Brummbrumm Audi der Kohle- und Atomkonzern Eon.

Dann vorgestern die Revolution: Atomstrom raus, solarer Carport rein. Als Gottschalk das mit dem fotovoltaischen Aufladen des Autos sagte, brach Heiterkeit aus in meinem Maastrichter Wohnzimmer. "Welches Auto?", riefen wir. Denn da stand ja noch der fossile Verbrennungs-Audi auf der Bühne.

Wahrscheinlich ist den Verantwortlichen beim ZDF und bei Audi noch gar nicht bewusst, was am Sonntagabend wirklich geschah. Welches klimapolitische Erdbeben sich vollzog. Da dachten Millionen "Wetten, dass …?"-Zuschauer wie ich: die arme Wettkönigin. Ihr fossiler Audi hat ja gar keine Steckdose für den solaren Carport! Der Kaiser ist nackt.

Martin Unfried

URL:http://oekotainment.eu/archiv/html/solargott-gottschalk/