Link zur taz

Diese Seite wird erstellt mit freundlicher Genehmigung der tageszeitung
( www.taz.de)

die tageszeitung wird getragen durch die taz Genossenschaft

Die taz Panter Stiftung engagiert sich für Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum.

Klimabilanz der taz

Martin Unfried | Copyright eipa.eu
Bild von Martin Unfried

22.02.2011 | Dienstag | Aufsatz für das Buch „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern

»Wir sind Watt Volt!«

Wie bringen wir zehn Millionen Haushalte dazu, bei den Atomkonzernen zu kündigen? Über den »Volksentscheid mit der Stromrechnung«, gestützt durch das System »Tupperabend«.

 

Es ist eigentlich banal: Auch Atomkonzerne in Deutschland sind in erster Linie darauf angewiesen, dass jemand ihr Produkt kauft. Das Produkt heißt Atomstrom. Neben den Großkunden der Industrie entscheiden rund 40 Millionen Privathaushalte in Deutschland, ob der Rubel rollt. Und hier liegt das Problem: Rund 38 Millionen Haushalte kaufen immer noch Atomstrom in einer Gesellschaft von Atomkraftgegnern. Das heißt: Selbst Millionen eisenharter Atomkraftgegner (Mitglieder der Umweltverbände, Wähler von Anti-AKW-Parteien) haben eine Geschäftsbeziehung mit den Konzernen, gegen die sie bei Kälte auf die Straße gehen. Also täuscht der Eindruck, die tollen, unabhängigen Ökostromer hätten schon Millionen Kunden in ihre Arme geschlossen.

In Wirklichkeit erleben wir ein Desaster der Konsumentenmacht. Längst müssten 10 Millionen Haushalte bei den Atomkonzernen und ihren Tochterunternehmen gekündigt haben. Haben sie aber nicht. Die Manager der Atomkonzerne mussten nicht mal im heißen Herbst 2010 Rücksicht auf ihre Kundschaft nehmen und kündigten frech den Ausstiegskompromiss. Und was machen die atomkritischen Stromkunden? Nix! Absolutely nothing! Die schauen sich Angela Merkels Pressekonferenz in ihrem Eon-betriebenen Atomfernseher an. Das nennt man kognitive Dissonanz oder einfach »gaga«.

Wollen wir, also Sie und ich, das noch länger mit anschauen? Also ich nicht. Oft habe ich mit Umweltverbänden darüber gesprochen. Was ist da los? Sind die alle verrückt? Die Verbandsjohnnies zucken mit den Schultern. Und verweisen auf ihre Stromwechselkampagnen. Aber alle, die mit Stromwechsel zu tun haben, sind frustriert. Keiner glaubt an eine Massenkündigung. Das Wort nimmt niemand in den Mund. Lieber spricht man schön von »Stromwechsel« und lobt den duften Ökostrom. Niemand will sich aus dem Fenster lehnen. Niemand will sich mit einer großen Aktion lächerlich machen. Ich schon. Und ich hoffe, Sie auch. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass wir die eleganteste Karte nicht ziehen können. Millionen deutsche Atomkraftgegner sollen nicht in der Lage sein, ihren Atomstromvertrag zu kündigen und den Konzernen ihr Geld zu entziehen? Wenn es die Umweltverbände nicht machen, dann müssen wir - also Sie und ich - die Sache in die Hand nehmen. Darum hier die ultimative Idee zur Massenkündigung. Der »Volksentscheid mit der Stromrechnung«, gestützt durch das System »Tupperabend«.

Darin spielen Sie eine wichtige Rolle. Ich brauche Sie bei der Organisation eines spielerischen Volksentscheids. Eines Volksentscheids, den wir frech verkünden und veranstalten. Es geht um die Umdeutung der kleinen individuellen Kündigung zur politischen Tat vieler. Es geht darum, die banale Stromrechnung als politischen Volksentscheid zu zelebrieren. Und natürlich sprechen wir auch von Flashmob und so. Dabei ist die erste Regel: Nur das aktive Vorbild - also Ihres - kann Ihre Bekannten tatsächlich zur Atomstromkündigung motivieren. Also müssen wir den Tupperweg gehen.

Sie kennen Tupperpartys? Das war die kommerzielle Ausbeutung sozialer Netzwerke zu einer Zeit, wo man den Begriff noch gar nicht kannte. Sie also sind eine Nervensäge und nerven Ihre Bekannten so lange, bis diese weich sind. Und soziale Netzwerke haben Sie doch sicher on-rund offline. Sagen wir, Sie knöpfen sich erst mal 100 Leute aus Familie und Bekanntenkreis vor. Natürlich spielerisch, natürlich als Nervensäge mit einem Augenzwinkern. Sie haben doch sicher eine Facebook-Seite. Und ein Wohnzimmer. On- und offline kommunizieren Sie folgendes: Es gäbe da einen tollen Flashmob, eine tolle kreative Idee im Netz, nämlich eine verabredete Massenkündigung bei Atomkonzernen. Echt lustig. Aber heftig. Das sei nämlich der neue Geist von Stuttgart und Gorleben. Der Slogan heißt "Wir sind Watt Volt«, Das heißt, wir nehmen uns die Freiheit, selbst einen »Volksentscheid mit der Stromrechnung« zu zelebrieren. Das ist ganz einfach: Auf meiner Seite www.oekosex.eu gibt es lustige Motive zum Volksentscheid (auch für Poster und Sticker geeignet) und bei www.atomausstieg-selber-machen.de gibt es die Wahlzettel - nämlich die Anmeldeformulare bei den vier unabhängigen Ökostromunternehmen, die von den Umweltverbänden empfohlen werden.

Achtung: Es geht nicht so sehr um Ökostrom. Also, ob der jetzt wirklich zu mehr Erneuerbaren führt, ist nicht wichtig. Einige Bekannte werden mit dem Schmu kommen, sie hätten gehört, der Ökostrom sei ja gar nicht so öko. Ja, das ist eine typische Entlastungsargumentation für Nichtstuer. Gehen Sie gar nicht darauf ein. Es geht um die Kündigung des Vertrages mit Atomkonzernen und deren Töchtern. Am besten empfehlen Sie Ihren Freunden nur das Ökostromunternehmen, zu dem sie selbst wechseln oder schon lange gewechselt sind.

Die zweite Regel heißt nämlich: Komplexität reduzieren. Deshalb schicken Sie regelmäßig (jeden zweiten Tag) Erinnerungs-E-Mails und schicken Sie das Formular für die Anmeldung (also den Volksentscheid) gleich mit. Am besten schon ausgefüllt, dass Ihre Freunde nur noch unterschreiben müssen.

Die dritte Regel heißt nämlich, dass Ihre Lieben bequeme Säcke sind. Die muss man entweder freundlich an die Hand nehmen oder mit der Schusswaffe zur Unterschrift zwingen. Wenn man's weiß, ist das kein Problem. Und am Ende bekommen Sie sogar schöne Vermittlungsprämien von den Ökostromern, aber das war bei Tupper ja auch immer so. Wenn Sie Lust haben, schenken Sie Ihren Bekannten bei erfolgreicher Teilnahme am Volksentscheid irgendwas Schönes: eine Nacht kuscheln, ein gutes Essen oder einen hübschen Flaschenmops.

Von Martin Unfried

www.atomausstieg-selber-machen.de

aus „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ | Seite 86 | ISBN 10: 3938060344 | ISBN 13: 9783938060346) | EUR 12,95 | erschienen am 24.02.2011 bei Westend Verlag GmbH und die tageszeitung | Westend, Frankfurt, M. | taz, Berlin | Flexibler Einband / kart. | 192 Seiten | 21 cm | Herausgegeben von Pohl, Ines [Hrsg.] | Kartoniert | Sprache: Deutsch | KATALOG DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK: http://d-nb.info/1009021664 | www.westendverlag.de und www.taz.de
„50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ von Ines Pohl - Inhaltsangabe:

„Spätestens Stuttgart 21 hat es gezeigt: Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bürger der Politik folgen und vertrauen. Aber wir alle wissen häufig nicht, wo wir konkret ansetzen können. Hier liefert das Buch 50 Ansätze für jedermann, um im Großen genauso Einfluss zu nehmen auf gesellschaftliche Verhältnisse wie im Kleinen auf das persönliche Lebensumfeld. Kein typischer Ratgeber, sondern ein Sachbuch mit Gebrauchswert.“

22.02.2011 | Dienstag | Aufsatz für das Buch „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ | MARTIN UNFRIED

oekosex.eu/20110222b/
oekosex.eu/archiv/html/wir-sind-watt-volt/

URL:http://oekotainment.eu/archiv/html/wir-sind-watt-volt/