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Klimabilanz der taz

PETER UNFRIED ist taz-Chefreporter | Foto: Anja Weber
PETER UNFRIED ist taz-Chefreporter | Foto: Anja Weber

28.03.2015 | Samstag | PETER UNFRIED | DIE EINE FRAGE

Die linke Madonna

Ihr neues Buch heißt „Die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus". Warum nehmen die Linken den Klimawandel nicht ernst, Naomi Klein?

 

Naomi Klein trägt Dreizentimeterabsätze, schwarzes Jäckchen, blondierte Haare, randlose Brille. Und rote Socken (no Witz). Es ist kulturell korrekt, zu beschreiben, was sie trägt, denn es handelt sich eindeutig um einen nordamerikanischen Popstar. Auf Welttour. Die Leute im ausverkauften Haus der Kulturen der Welt sind da, um die Madonna einer gerechteren Welt zu sehen. Und um sagen zu können, dass sie sie gesehen haben. Bombenstimmung. Dagegen kommt auch die hartnäckigste Politschnarchi-Moderation nicht an. Und das trotz eines Themas, auf das weder Bewegungslinke stehen noch Salonlinke. Klimawandel. "Linke Parteien haben ihre Schwierigkeiten damit", sagt Klein. Da muss man doch nachhaken.

Nächster Tag in einem Luxus-Boutique-Hotel mit urbanem, paneuropäischem Ambiente. Klein, 44, und laut Eigendefinition "demokratische Sozialistin", spricht darüber, dass die fünfjährige Arbeit an ihrem just in Europa erschienenen Buch "Die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus" ihr eigenes Glaubens- und Überzeugungssystem herausgefordert habe.

Mit "No Logo" wurde sie 2000 kurz nach den Protesten von Seattle zum Gesicht der Antiglobalisierung. Mit dem Buch "Die Schock-Strategie" nahm sie 2007 die Weltfinanzkrise vorweg. Nun sah sie sich durch die Dimension der Klimawandelbewältigung gezwungen, "neue Wege zu finden, mit denen ich mich nicht richtig wohlfühle". Damit ist sie nicht allein. Man muss nur mal mit linken Grünen über die ökologische Transformation sprechen. Sofort kriegen sie rote Flecken und rufen: "Aber die soziale Gerechtigkeit darf nicht vergessen werden!" Eben, möchte man rufen. Aber es nutzt nichts.

Noch immer hält manch aufrechter Linker Klimawandel für ein "Umwelt"-Problem und Chichi für Besserverdienende. Statt den Solardachstromproduzenten als vorbildlichen Protagonisten der dezentralen Entmachtung der Konzerne zu respektieren, wird er als Abzocker diffamiert. Das Muster: neoliberale Entsolidarisierung. Neid und Hass konzentrieren sich auf die, mit denen man sich gegen die wirklichen Gegner verbinden muss.

Klein benutzt im Gespräch das Wort climate justice, Klimagerechtigkeit. Mal sehen, ob das hilft. "Klimawandel fordert die Linke heraus", sagt sie. Um dann schnell nachzuschieben: "Es fordert die Rechte mehr heraus, aber die Linke ist auch herausgefordert." Sie spricht über die "extraktivistischen linken Regierungen in Lateinamerika" und ihr Gerechtigkeitsmodell, das auf der Verteilung von Öl und Gas beruht, dass aus der Erde extrahiert wird. Sehr viel fairer als die Vorgängermodelle sei das, aber immer noch kapitalistische Wachstumspolitik, die keine Rücksicht auf das Ganze nimmt. (Die Kohle-SPD ist so gesehen auch extraktivistisch.)

Bisher wurde die Diskussion über ihr neues Buch von der Frage geprägt, ob Naomi Klein den Kapitalismus überwinden will, um den Klimawandel meistern zu können. Wenn man ihr genau zuhört, muss man genauso fragen, ob Naomi Klein auch den Sozialismus und Teile des klassischen linken Denkens abhaken will, um eine Allianz für globale Klimagerechtigkeit schmieden zu können. Es wird von Bedeutung sein, ob die Linken sich auf das Mitdenken einlassen oder ob sie Klein nach alter Tradition als Abtrünnige verstoßen.

Peter Unfried ist taz-Chefreporter

 

28.03.2015 | Samstag | taz Nr. 10676 | Seite 4 | 120 Zeilen | Sonntaz | Aktuelles | Kolumne | PETER UNFRIED: DIE EINE FRAGE | Die linke Madonna | Ihr neues Buch heißt „Die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus". Warum nehmen die Linken den Klimawandel nicht ernst, Naomi Klein?
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