Kolumne fairkehrt 2/2026 Sprit for fun! Juhu! Die Benzinpreise waren leicht gefallen. Und zwar kostete am 11. Mai Benzin an der Tanke nur 2,61 Euro! Keine Sorge, natürlich nicht im Spritparadies Deutschland, wo die Regierung ein Herz für Autofahrer*innen hat, sondern bei mir in den Niederlanden. Die dortige Regierung hatte unverschämterweise zu diesem Zeitpunkt noch keine Geschenke verteilt. 2,61 Euro? Man sollte meinen, dass dann das halbe Land zusammenbricht. Oder dass die Leute vielleicht weniger fahren? Merkwürdigerweise tun sie das nicht. Natürlich regen sich auch die Holländer auf und schimpfen pflichtgemäß in die Kameras in Sachen „Tankwut“. Allerdings fuhren sie deshalb nicht weniger, sondern sogar mehr. Das war das Ergebnis einer Untersuchung von über 276.000 Fahrtenaufzeichnungen durch das Mobilitätsberatungsunternehmen Goudappel. Mehr gefahren trotz heftiger Preise? Das widerspricht eigentlich der Intuition. Nun könnte man sagen, zwischen Amsterdam und Nijmegen haben die Leute Geld wie Heu beziehungsweise Tulpen, also nicht so wie in Deutschland, wo bittere Armut herrscht. Doch auch bei euch war das mit dem „weniger Fahren“ wohl ähnlich. Hier mal die Analyse des Verkehrsdatenspezialisten Tom-Tom des ersten Monats des Irankrieges: Trotz der hohen Spritpreise gab es keinen Hinweis, dass die Fahrleistung spürbar zurückgegangen ist. Im Gegenteil: Im betreffenden Zeitraum sei laut Tom-Tom sogar etwas mehr gefahren worden. Merkwürdig. Normalerweise reagieren Konsumenten auf gestiegene Preise. Mussten denn die Pendlerinnen und Pendler noch fleißiger als sonst zur Arbeit fahren? Und konnten gar nicht anders, gekettet an die Zapfsäulen der fossilen Dealer Shell und BP? Eher nicht: Nach Zahlen des Umweltbundesamtes haben Urlaub und Freizeit mit 38 Prozent einen sehr großen Anteil am Pkw-Verkehr. Und auch auf dem Land ist der ÖPNV vielerorts besser, als viele denken. Soll heißen: Wer mit dem Auto fährt, ist nicht nur wegen fehlender (Pendel-)Alternativen abhängig vom Verbrennen fossiler Brennstoffe – sondern in erster Linie mental. Also im Sinne von psychologisch. Im Sinne von „voll die Auto-Junkies“. Merke: In der bedrohlichsten fossilen Energiekrise fahren viele Leute wie gehabt zum Spaß in der Gegend rum. Weil sie es wollen, weil es irgendwie „high“ macht. Selbst wenn ein Bus fährt, bricht den Abhängigen schon beim Gedanken daran der Schweiß aus. Und wer Angst hat, sein Stoff geht aus, konsumiert vielleicht lieber noch ein bisschen mehr, um sich einzudecken für schlechte Zeiten. Der Tankrabatt in Autodeutschland ist deshalb wohl weniger Armutsbekämpfung, sondern gehört in den Bereich der Drogenpolitik. Ein Indiz: Die durchschnittliche Berufspendelstrecke in Deutschland beträgt hin und zurück 35 Kilometer. Das sind 700 im Monat. Bei sechs Liter Verbrauch sind das 42 Liter. Spendiert der Staat 15 Cent pro Liter, sind das ganze 6,30 Euro Ersparnis. Das ist ja nicht mal eine Schachtel Zigaretten! Arme Pendler*innen. Ich frage mich nämlich, wie der Krankenpfleger monatlich 500 Euro Festkosten bezahlt für einen Kleinwagen. Die Regierung will mit der Subvention wohl eher zeigen, sie steht voll hinter der Sucht. Leute auf Entzug, und dann auch noch Autofahrer*innen, das ist für keine Partei ein Zuckerschlecken.■ Martin Unfried forscht an der Uni Maastricht zu europäischer Politik in Grenzregionen. Er liebt Wärmepumpen, dynamische Strompreise, S-Pedelecs und seine Heimat, die Europäische Union.
Erstveröffentlichung: www.vcd.org/magazin-2-2026
06.06.2026 | Samastag | Das VCD-Magazin "fairkehr" | Kolumne fairkehrt 2/2026 | Sprit for fun! | Schlagworte: Benzinpreise, „Tankwut“, fossile Brennstoffe, Tankrabatt, Subvention, Sucht | Bio: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Unfried Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20150606_xl_P1000091-cut_Martin_Unfried.JPG https://w.wiki/Mcv TXT: Molgreen, 20150606 xl P1000091-cut Martin Unfried, CC BY-SA 4.0, https://w.wiki/Mcv PLAIN TEXT: Molgreen (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20150606_xl_P1000091-cut_Martin_Unfried.JPG), „20150606 xl P1000091-cut Martin Unfried“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode HTML: Molgreen, 20150606 xl P1000091-cut Martin Unfried, CC BY-SA 4.0https://oekotainment.eu/archiv/html/fett-fetter-fatbikes
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PDF-Version der Erstveröffentlichung auf www.vcd.org
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