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09.09.2025 | Dienstag | FUTURZWEI Nr. 34 | Neue Bücher mit Zukunft | „Strom“

Rezension: Tim Meyer: „Strom“

Flexibler Strom ist das neue Gold

Der Markt hat entschieden: Die Erneuerbaren werden in Kürze weltweit dominieren. Warum Tim Meyers Strom Pflichtlektüre ist, auch für die Bundeswirtschaftsministerin.

 

Da vollzieht sich genau jene Revolution, von der viele Freunde der Energiewende jahrzehntelang geträumt haben, und niemand spricht davon in Deutschland. 2024 war nämlich weltweit der ultimative Durchbruch der Erneuerbaren. Die Ausbauraten gehen durch die Decke. Und doch sagte die neue Wirtschaftsministerin auf einer Veranstaltung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), die bisherigen Ziele beim Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland seien unrealistisch und überzogen. Wie passt das zusammen?

Diesen Widerspruch versteht besser, wer das Buch Strom des Energieexperten Tim Meyer gelesen hat. Meyer spricht von der vierten Energierevolution. Nach Kohle, Öl und Gas werden jetzt die Erneuerbaren den Laden aufmischen. Tatsächlich gibt es Rekordinvestitionen: Weltweit haben sich die Ausgaben in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt, angeführt von der Solarenergie. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass Investitionen in Solar im Jahr 2025 ein Volumen von 450 Milliarden US-Dollar erreichen und damit der größte Einzelposten der globalen Energieinvestitionen sein werden.

Auch die Investitionen in den ganz neuen Bereich der Batteriespeicher steigen rapide an und erreichen in diesem Jahr schon mehr als 65 Milliarden Dollar. Das ist bereits fast so viel wie die globalen Investitionen in Kernkraftwerke, deren angebliche »Renaissance« bescheiden bleibt. Gerade die Batterien ändern alles: Mit ihnen kann erneuerbarer Strom eben doch gespeichert und im Laufe des Tages zeitlich verzögert eingespeist werden, was zu ganz neuen Businessmodellen führt.

Vielleicht bleibt dieser Durchbruch auch deshalb unbemerkt, weil das Epizentrum eben nicht mehr die EU oder die USA sind, sondern bevölkerungsreiche Länder wie China und Indien. Auch Pakistan hat sich mit superbilligen chinesischen Modulen zu einem riesigen neuen Markt für Solaranlagen entwickelt. Laut Daten des Klima-Thinktanks Ember für 2024 importierte das Land 17 Gigawatt Solarmodule, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr, und ist damit der drittgrößte Importeur der Welt. Und zwar ohne Subventionen und ohne große strategische Unterstützung einer Regierung. Das ist spektakulär, weil damit endgültig eine bis heute weitverbreitete Erzählung widerlegt wird: dass Erneuerbare teuer sind und nur mit umfangreichen staatlichen Subventionen Erfolg haben können.

Nein, sagt Tim Meyer: der Markt habe entschieden. Solar, Wind und Batterien seien in den Kosten so runter, dass fossile und atomare Stromproduktion nicht mithalten könne. Das ist Meyers zentrale und für manche neue Botschaft: Er erklärt sachlich, dass der globale Siegeszug von Solar, Wind und Batterien eben nicht in erster Linie umweltpolitische, sondern wirtschaftliche und technologische Gründe habe. Weshalb es auch Donald Trump schwer haben wird, gegen diesen Strom anzurudern. Die entscheidende Frage sei nicht, ob man die Welt rette, sondern ob man selbst zu der Spitze gehöre, die am meisten von der Transformation profitiere.

Da liegt bei aller Freude über den Durchbruch auch das Problem in Deutschland. Exponentielle Wachstumsdynamiken oder industrielle Revolutionen kommen laut Meyer im Mainstreamdenken in der deutschen Politik nicht vor. Die Windenergie sei eine Übergangstechnologie, meint Friedrich Merz. Im Ernst?

Vordenker wie Hermann Scheer (SPD) und Hans-Josef Fell (Grüne), die früh die hundert Prozent Erneuerbaren vorhergesagt hatten, waren nicht nur, aber gerade auch in ihren Parteien Außenseiter. Solare Weltwirtschaft hieß Scheers Buch aus dem Jahre 1999. Es war der Blaudruck der heutigen Entwicklung. 25 Jahre später beschreibt Tim Meyer, wie sich diese »solare Weltwirtschaft« tatsächlich global durchsetzt. Und warum das auch bedeutet, dass unsere Stromwirtschaft ganz neu gedacht werden muss. Ein Stromnetz mit überwiegend Erneuerbaren müsse eben komplett anders ausgerichtet werden als eines mit zentralen Kraftwerken. Leider fehlt für eine tiefer gehende gesellschaftliche Diskussion – siehe Bundeskanzler – immer noch das entsprechende Wissen. Dabei gibt es jede Menge Diskussionsbedarf, in welcher Phase der Transformation welcher Innovationspfad der richtige sein könnte.

Das sind die Phasen der Transformation laut Tim Meyer/IEA:
• Phase 1: keinerlei Einfluss aufgrund sehr geringer Mengen
• Phase 2: geringer Einfluss mit mäßigen Auswirkungen auf das System
• Phase 3: Fluktuierende Quellen bestimmen den Betrieb des Systems und anderer Kraftwerke.
• Phase 4: Zeitweise decken fluktuierende Quellen 100 Prozent des Bedarfs.
• Phase 5: Zeitweise treten erhebliche Überschüsse der Stromproduktion auf.
• Phase 6: Sicherer Systembetrieb findet nahezu ausschließlich auf Basis fluktuierender Quellen statt.

In Deutschland übertrifft bei viel Sonnenschein oder Starkwind das Angebot der Erneuerbaren die Nachfrage bereits heute deutlich und befindet sich damit irgendwo zwischen Stufe 4 und 5. In solchen Phasen wird Strom zu niedrigen Preisen ins Ausland verkauft und teilweise abgeregelt, wenn die Netzkapazität für den Transport nicht mehr ausreicht. Das führt an der Strombörse sogar zu negativen Strompreisen. Die Gegner der Energiewende haben deshalb auch ihre Erzählung geändert: Wurden die Erneuerbaren erst als Spielzeug und als viel zu teuer diffamiert, produzieren sie heute zu viel und ruinieren die Strompreise. Und noch infamer: Nur die Erneuerbaren sind in dieser Erzählung für gestiegene Strom- und Netzkosten verantwortlich. Gerade so, als ob nicht die Abhängigkeit vom teuren Erdgas die hohen Preise beschert habe und als ob die Elektrifizierung im Bereich Verkehr und Gebäude nicht auch ohne Erneuerbare zum Ausbau der Netze führen müsste.

Deshalb braucht es, wie Tim Meyer im Gespräch betont, kräftige Gegenerzählungen. Das sind vor allem die neuen Businessmodelle. Wer Stromverbrauch oder Speicherung in Zeiten niedriger Preise verschieben kann und in Zeiten hoher Preise Verbrauch reduziert oder Speicher mit Solarstrom entleert, kann damit viel Geld verdienen. Das gilt für die Industrie wie für Privathaushalte. Genau diese Preissignale führen aktuell zu einem Boom bei Speichern, Digitalisierung und Flexibilisierung sowie zu neuen Geschäftsmodellen. Das ist eine Bedingung dafür, dass der Windenergie- und Photovoltaik-Ausbau kraftvoll weitergehen kann, denn flexibler Strom ist wirklich Gold.

Laut Meyer machen sich zahlreiche Start-ups und große industrielle Verbraucher auf den Weg, den Wert von Flexibilität zu heben. Wobei dabei auch die Versäumnisse deutlich werden, etwa die verschlafene Digitalisierung des Stromnetzes. Nur wer, beispielsweise, intelligente Zähler zu Hause oder im Betrieb hat, kann sich wirklich netzdienlich verhalten. Bleibt noch die berüchtigte Dunkelflaute: Wie viele Erdgaskraftwerke werden denn als Back-up gebraucht für die berühmten zwei Wochen mit wenig Wind und Sonne, wie können diese refinanziert werden bei den kurzen Laufzeiten und wann könnten hier Wasserstoff oder andere Power-to-Gas Lösungen eine Rolle spielen? Dazu müssen wir tatsächlich mit Wirtschaftsministerin Reiche eine informierte Debatte führen. Mein Tipp an uns und sie: Zur Vorbereitung erst mal Strom lesen.■

MARTIN UNFRIED

 

Zum Buch:
Tim Meyer: Strom : Über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat BoD - Books on Demand, 07/2025, 19,00 €, https://buchshop.bod.de/strom-tim-meyer-9783819290039, archive.org-Version
https://d-nb.info/1366506839

Links über den Autor:

https://www.youtube.com/watch?v=tPowPdS_g2M

https://www.lovelybooks.de/autor/Tim-Meyer/

https://www.focus.de/autoren/tim-meyer_2c298188-1269-46b0-b255-99c685f21f1a.html

https://www.zfk.de/politik/deutschland/interview-mit-tim-meyer-deshalb-glaubt-er-an-das-gelingen-der-energiewende

https://www.chip.de/autoren/tim-meyer_2c298188-1269-46b0-b255-99c685f21f1a.html

https://de.linkedin.com/in/tim-meyer-466a7626

 

Foto: ImagePerson, Electrical Transmission Towers, Ottawa TC002, Zuschnitt, CC BY 4.0

 

09.09.2025 | Dienstag | FUTURZWEI Nr. 34 | Seite 66-67 | taz.futurzwei.org | Magazin für Politik und Zukunft | Titelthema: Zahlen des Grauens | Neue Bücher mit Zukunft | Rezension: „Strom“ | Flexibler Strom ist das neue Gold |Der Markt hat entschieden: Die Erneuerbaren werden in Kürze weltweit dominieren. Warum Tim Meyers Strom Pflichtlektüre ist, auch für die Bundeswirtschaftsministerin. | Schlagwörter: Erneuerbare, vierte Energierevolution, Batteriespeicher, neue Businessmodelle, Phasen der Transformation, Elektrifizierung | Bio: de.wikipedia.org/wiki/Martin_Unfried Links:

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